Erinnerungsfragment

Dezember 2013


Ihr Gesicht ist blass, als wäre sie krank. Sie hat hellblondes, lichtes Haar, das wild um ihren Kindskopf fegt. Der Wind schneidet durch ihre Kleidung und bläht das dünne, schief hängende, grob gestrickte, grell grüne Jäckchen im Rücken auf. Sie steht starr. Zu regungslos für ihr Alter. Der Kopf hängt zwischen müden Schultern, während die von Tränen überfließenden Augen durch die Bäume glotzen, welche das Ende des Gartens in Anmündung an ein Feld ankündigen. Sie sollte ausgelassen durch das Gras tollen und Freude an dem klaren Frühlingstag haben. Sie sollte in hellen Quietsche-Tönen Erstaunen und Freude über alles, was dank ihrer kindlichen Phantasie hier draußen zu entdecken ist, Ausdruck verleihen.

Jahre später wird sie sich nicht erinnern, was sie damals gefühlt hat. Eine bodenlose Traurigkeit, die wie ein aschener Himmel strahlende Helligkeit in dunstiges Grau filtert - ihre dauerhafte Begleitung; eine allgegenwärtige Schwere, die sie wie ein ständiger Schatten durchs Leben verfolgt. Ihre einladende Extrovertiertheit wird das verbergen. Die Augen nicht. Das Gemüt, beladen wie ein Hochseefrachter, wird wiederholt an inwendiger Leere zerschellen. Verzweiflung, Zerrissenheit, Sinnlosigkeit – eine eintönige Lebensmelodie.

Sie wird sich an die Wolke erinnern. Eine kleine Schäfchenwolke, die damals über ihrem Kletterbaum prangerte und ihr Kinderherz mit seiner Gegenwart tröstete. Ein völlig leer gefegter, hellblauer Himmel und diese eine Wolke – für sie geschickt zum Trost. Die Wolke war mehrfach da. In Situationen, wenn ihre kurzen Kinderbeine starr vor Seelenschmerz durch den Garten geisterten. 

 

 

 

einsam zweisam

Dezember 2012


Ich spüre einen angenehmen Luftzug im Gesicht. Die warme Sommersonne malt lange Schatten auf die Stufen vor mir. Meine Finger fühlen sich kalt an. Ich versuche mir keine Löcher in die Backentaschen zu beißen, weil man sie vielleicht beim Küssen spürt. Die Zeit vergeht nicht. 

Ich denke wie immer an ihn.

Später werde ich bei ihm sein. Mein Fuß wippt nervös auf dem Steinboden, aber ich nehme es kaum wahr. Alle scheinen den Tag zu genießen. Ich nicht. Es ist noch so früh. Die Zeit vergeht kaum.

„Später“ wird später als gedacht. Er hatte noch zu tun. Was soll‘s. Jetzt hat er Zeit.

Er sieht schön aus. Eigen. Kein typisch smarter Schönling. Gerade das macht ihn in meinen Augen attraktiv. Die hohen Wangenknochen verleihen seinem Gesicht etwas Edles. Ganz besonders mag ich die Augenpartie: so wie er sieht niemand anderes aus. Er hat schmale Augen. Wenn er lacht, was er oft tut, ziehen sie sich wie eine Linie zu den beiden Schläfen hin. Dazu geradlinige Brauen. Keine dünn gezupften, so das er ausschaut, als wäre er einem Schönheitssalon entlaufen. Sie sind weder gezupft noch in Form gekämmt, sondern natürlich schön. Die perfekte Ergänzung zu den schmalen, verschmitzten Augen. Er hat einen vollen Mund. Das betrifft nicht nur die Lippenform, sondern auch seine Eloquenz, mit der ich nur allzu gern zusammen prassele. Verbal liefern wir uns die schönsten Schlachten und übertrumpfen uns gegenseitig an Spontan-Wortspielen. Mir scheint, dass, wenn wir aufeinandertreffen, eine Explosion an Humoristischem aufsteigt, die sich immer wieder steigert. Sein Gesicht ist klar und wohlstrukturiert. Wunderschön! Und überhaupt nicht machomäßig. Er ist gepflegt, aber nicht so, wie einer von diesen Goldketten- oder Bulberry-Schönlingen. Die Haare sind auf zwei, drei Millimeter rasiert. Sein Kopf wohlgeformt. Nein. Perfekt! Es steht ihm gut und gibt ihm einen coolen Anstrich, den er durch sein Auftreten sowieso schon verkörpert. Jede seiner Gesten ist cool. Wenn er lässig den Unterarm auf dem Knie abstützt, wodurch die Armbanduhr auf den hervorstehenden Handwurzelknochen rutscht. Oder wenn er sich mit ein paar Fingern über die Stirn fährt. Oder wenn er in seiner ureigenen Art gestikuliert: ich könnte mich an jeder seiner Bewegungen ergötzen. Sie aufsaugen, wie ein perfektes Schauspiel. Er bewegt sich wie ein Gott. Ich schaue ihn an und genieße, was ich sehe. Beobachte und genieße tiefer. Ich bewundere die schwungvollen Handbewegungen. Seine lässige Art. Er schnappt den verkratzten Spiegel vom vollgestellten Couchtisch. Formt selbstverständlich einen kleinen Teil des weißen Pulvers in eine 4 cm lange Linie und zieht sie mit einem bereitgelegten Röhrchen durch den rechten Nasenflügel. Mich stört das nicht. Bei mir darf er sein wie er ist. Keine Geheimnisse. Außerdem kann er damit umgehen. Er ist nicht so wie seine Kollegen. Ich merke bald an seiner Art, dass er mich jetzt nicht mehr um sich haben will. Wahrscheinlich kommt er in seinen Flow und ich wäre ihm nur im Weg. Am liebsten würde ich bleiben können, aber ich weiß, dass ich seine Nerven furchtbar strapazieren würde. Je mehr Nähe ich jetzt von ihm will, um so distanzierter und erledigungsorientierter wird er sich auf seinen 20 Quadratmetern bewegen. Und dann käme Streit. Ich sehe ihm an, dass ihm irgendetwas nicht  passt. Eine Furche fängt an, sich um seine Mundwinkel zu legen. Die sich entwickelnde Mimik kenne ich nur allzu gut. Ich werde traurig. Leere breitet sich in mir aus. Sie wird tiefer und farbloser. Greift wie ein durch sämtliche Adern dringender Frost von Innen in jede Zelle meines Körpers. Auf gar keinen Fall darf er Enttäuschung in meinem Gesicht entdecken! Auch nicht die Traurigkeit, die mir schon den Hals zuschnürt! Das gäbe eine Auseinandersetzung, die uns für Tage entzweit. Wenn nicht länger. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die nächsten Stunden verbringen soll. Bei dem Wetter wäre ich gern im Park. Der mit dem kleinen Teich und den Trauerweiden. Wo sich oft Percussion-Gruppen zusammenfinden. Ich liebe es, wenn ihr rhythmisches Trommeln leicht an mein Ohr weht und ich mich überraschen lasse, in welche melodischen Galaxien sie mich für die nächsten Stunden akustisch entführen. Jetzt könnte ich daran keine Freude haben. Nicht mal an der Sonne. Es gibt nichts mehr, was mir jetzt hilft. Außer bei ihm zu sein. Bei ihm bleiben dürfen. Meinetwegen unsichtbar oder so klein wie einer dieser weißen Krümel auf dem Spiegel, die ihm nie im Weg sind. Ich weiß, dass ich die nächsten Stunden, egal was ich tue, überall auf der Flucht sein werde. Immer hastig darauf wartend, dass mir eine SMS von ihm erlaubt, wieder bei ihm zu sein. Im schlimmsten Fall wird es Tage dauern. Mein Körper beginnt zu zittern. Bevor er das mitkriegt, stehe ich hastig auf und gebe vor noch Einiges erledigen zu müssen. Ob es ihn störe, wenn ich jetzt gehe. Er nimmt kaum Notiz von mir. Ist schon ganz woanders. Aber sofort erleichtert, als ich Richtung Garderobe steuere. An einen Abschiedskuss ist nicht zu denken. Ich wünschte er würde mich umarmen. Seine Arme unter meiner Jacke um meinen mageren Körper schlingen. Vorhin lagen seine schlanken Hände noch auf meiner Haut. Ganz nah. Ganz eng. Ich spüre noch, wie es war. Wie ich die Luft anhielt, um diesen kostbaren Moment in Zeitlosigkeit einzufrieren. Was nicht gelang. Was noch nie gelang. Jetzt küssen wir doch! Nicht flüchtig. Nein. Innig. Wir schauen uns tief in die Augen. Seine Augen sind wie ein zauberhafter See. Ich weiß nie welches ich fokussieren soll. Beide sind schön. Ich kann mich in jedem von ihnen wie in einer Traumlandschaft verlaufen. Er streicht mir zum Abschied über die Stirn. Ich bin glücklich! Dennoch weiß ich nicht, wie ich die nächsten Stunden verbringen soll. Im Hausflur hallen mir die eigenen Schritte wie hämisches Gelächter nach. Draußen gafft die Sonne durch mich durch, dass ich ihr am liebsten eine ziehen würde. Wie soll jetzt bloß die Zeit vergehen?

 

Die Sonne knallt noch immer mit voller Wucht auf die Stadt. In meinem Zimmer halte ich es nicht aus. War dies nicht mal ein Ort, an dem ich mich entspannen konnte? Die handverputzte Wand glotzt mir tot entgegen. Meine Finger fühlen sich kalt an. Ich versuche mir keine Löcher in die Backentaschen zu beißen, weil man sie vielleicht beim Küssen spürt. Ich flüchte hinaus auf den Platz mit der Treppe. Die Sonne steht noch so, dass sie mir direkt ins Gesicht scheint. Mein Fuß wippt nervös auf dem Steinboden, aber ich nehme es kaum wahr. Ich bin damit beschäftigt Tränen zu unterdrücken, während ich apatisch durch die vorbeischlendernden Menschenmassen starre.

 

Die Dämmerung sauge ich wie heilsame Arznei auf. Ich stehe mal wieder vor seiner Tür. Er hat jetzt Zeit. Um ihn nicht zu stressen, bin ich eine halbe Stunde später da. Ich klingele jetzt zum fünften Mal. Von unten sehe ich, dass aus seinem Apartment Licht durch die Lamellen scheint. Viele Fenster sind dunkel. Ich zähle sie. Von oben nach unten. Von rechts nach links. Dann die Klingelschilder. Seit ich warte, sind schon drei Leute rein, beziehungsweise raus. Wie kann er das Klingeln wieder nicht hören? Er hat doch bloß ein ein-Zimmer-Appartement! Ich hocke mich auf den kalten Marmor. Das beruhigt. Ich bin müde herumzustehen. Oben vor der Zimmertür geht das Warten weiter. Früher war das anders. Als ich die ersten Mal hier sein durfte. Trotzdem ist vieles so ähnlich wie damals. Ich bin immer noch erwartungsvoll aufgeregt, wenn er sein heiliges Heim mit mir teilt. Eigentlich möchte er, dass ich einziehe. Zweisamkeit wären zwei Zahnbürsten in nur einem Becher. Ich bin das Highlight des Tages, sagt er, als er mich in die Arme schließt. Es tut so gut bei ihm zu sein. Bei ihm fühle ich mich ganz. Am meisten, wenn er mir ganz nah ist. Er ist seit drei Tagen wach. Das ist sein Flow. Oft ist er auch ne ganze Woche wach. Manchmal macht mir das Sorgen. Aber er hat alles im Griff. Er macht die ganze Zeit wichtige Geschäfte am Telefon. Ich verstehe davon nichts. Sein Pulli hängt locker an seinem Körper hinunter. Darunter eine stylische Hose. Er sieht so gut aus! Nur nackt mag ich ihn nicht gern ansehen. Ich mache dann die Augen zu. Er ist so dünn. War das immer so? In seinen Klamotten fällt mir das nicht auf. Ich würde gern in seinem Arm liegen. Ich lenke mich ab, starre immer wieder vor mich hin. Bald ist er soweit und hat Zeit für mich. Wir steigern uns in einen lustigen, verbalen Austausch. Er bringt mich auf die verrücktesten Ideen. So lustig wie mit ihm ist sonst keine Unterhaltung. Es macht unendlich viel Spaß mit ihm Zeit zu verbringen. Am liebsten möchte ich immer Zeit mit ihm verbringen. Als das Telefon klingelt, brüllt er plötzlich wütend hinein. Wir streiten danach mehrfach. Warum weiß ich nicht mehr. Ich fühle mich leer und schuldig. Ich habe Angst, dass er mich nicht mehr will. Nachts muss er los. Mit einem Kollegen. Ob ich bleibe und auf ihn warte? Ich freue mich riesig darauf hier zu sein, wenn er wieder kommt. Er sagt immer ich gäbe ihm Halt. Ich sei sein zu Hause. Ja! Niemand kann so auf ihn eingehen wie ich! Kaum ist er weg, langweile ich mich fürchterlich. Ich weiß nicht wohin ohne ihn. Aber hier in seinem Apartment ist es einfacher.

 

Die Sonne wandert langsam um die Häuserwände. Es ist noch warm, aber die Schatten verschwimmen schon zu einer Fläche auf dem mäßig besuchten Platz. Ich mag es, wie die Menschen an mir vorbeirauschen. In meinem Zimmer konnte ich nicht bleiben. Es erdrückt mich. Die Stufen vor mir liegen bald im Schatten. Meine Finger sind eiskalt, als wäre das Blut in ihnen erstarrt. Ich versuche mir keine Löcher in die Backentaschen zu beißen, weil man sie vielleicht beim Küssen spürt. Mein Fuß wippt nervös auf dem Steinboden, aber ich nehme es kaum wahr. Ich spüre meinen Körper nicht. Nur Enge und Leere. Ist das mein Körper? Ich möchte mich überall kratzen, damit ich etwas anderes empfinde, als Zerrissenheit. Später sehen wir uns. Es wird noch dauern. Ich weiß nicht wohin mit mir. Wann ist später? Meinen Mund habe ich mir blutig gebissen. Die Backentaschen sind aufgequollen. Ich merke es nicht. 

 

Zweisamkeit sind zwei Zahnbürsten in nur einem Becher. Meine steht schon längst neben seiner!

 

 

 

royal blau

Dezember 2012


Ich steh an seiner Tür. Wie oft ich schon hier stand. Mein Herz rast. Mir liegen die Worte auf den Lippen, die ich sagen werde. Den ganzen Weg bin ich sie wieder und wieder durchgegangen. Zu Hause habe ich sie inwendig hin- und her gewälzt. So war es auch in der Nacht. Und so war es am Tag zuvor. Immer wieder ähnliche Worte und Sätze. Seine Sachen habe ich dabei. Alle seine Sachen. Den Zweitschlüssel zur Wohnung. Die Cd’s. Den mp3 Stick. Der royal-blaue Schal. Ich gehe nochmal alles durch: Schlüssel, Cd’s, Stick. 

Er riecht nach ihm, der Schal. 

Ich habe nichts, als alle diese Worte und Sätze im Kopf. Sie machen mich nervös. Oder vielmehr seine Reaktion auf sie. Wieder fange ich an, lautlos zu formulieren. Mein Körper vibriert. Bringe ich alles richtig auf den Punkt? Ist es verständlich? Drücke ich mich nicht zu kompliziert aus? Er soll es so einfach wie möglich haben! Geht das in dieser Situation überhaupt, es einfach haben? Womit fange ich nur an? Mit welchem der vielen Worte? Mit welchem der vielen Sätze? Ich spüre ein starkes Dröhnen in meinem Kopf. Wie so oft heißt es warten. Erst unten an den Klingelschildern, dann hier vor der Apartmenttür. Ich verstehe nicht, warum ich so oft klingeln muss, warten muss. Es ist immer dasselbe. Ich bin furchtbar nervös und stelle mir vor, wie er mich gleich ansieht – seine warmen Augen, die mich in mystische Zauberwelten entführen können. Ich stelle mir vor, wie sein Blick stockt. Eine leichte Falte würde sich über seine sonst glatte Stirn schlängeln. Eine einzelne, kleine Falte auf seinem makellosen Gesicht. Oh ja, sein Gesicht ist schön. Wunderschön! Im Geist betrachte ich ihn durchdringend. Taste ihn dabei förmlich ab. Ich stelle mir vor, wie er merkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Wie Besorgnis seine Mimik erobert und wie er dann mit weicher, einfühlsamer Stimme fragt, was los ist. Seine Stimme wäre dabei fast melodiös. Eine Melodie, die umarmt. Die Schutz und Verständnis verspricht. Ich weiß, dass er so nicht sprechen wird. Ich weiß, dass er mir nichts anmerken wird. Aber es wäre so schön.

Ich versuche mich zu konzentrieren. 

Er würde fragen was los ist. Das wäre mein Sprungbrett. Mein Sprungbrett in all die vielen Worte und Sätze. Worte und Sätze, die er alle schon kennt, aber die noch nie in eine bleibende Konsequenz geführt haben. Es ist mir unbegreiflich, warum ich immer so lange an diesen Türen warten muss. Erst unten, dann hier oben. Er kann das Klingeln doch gar nicht überhören. Dafür ist sein Apartment zu klein. Mein Hals ist trocken und ich klammere mich an meine Handtasche wie an ein Schutzschild. In der Tasche sind seine Sachen. Wie können mich seine Sachen schützen? Ich habe sie doch dabei, um – Mein Körper zittert. Im Flur hängt zu meiner rechten das hässliche Bild über das wir eine ganze Nacht mal Witze machten und zu dem wir uns die urigsten Geschichten ausdachten. Immer wieder sind uns neue Kausalketten eingefallen, die den Weg des Bildes in den kahlen Hausflur auf abenteuerlichste Weise beschrieben. Ich fange unwillkürlich an zu Grinsen, um dann eine erdrosselnde Hand auf meinem Herzen zu spüren. Von diesen Momenten muss ich mich verabschieden! Sie werden ab jetzt nie mehr sein. Sie sind Vergangenheit. Mein Alltag scheint mir augenblicklich trüb und sinnentleert. 

Ich atme tief durch. 

All diese Worte und Sätze sind wichtig! Ich muss sie sagen! Auch wenn die Konsequenz, die aus ihnen fließt, eine Leere in mein Leben katapultiert. Ich spüre den Bluterguss auf meinem Unterschenkel, der meinen Kopf an die Wichtigkeit der Worte und Sätze erinnert. Aber mein Kopf ist wie in Watte gepackt. In ihm dreht sich alles, während ich auf das hässliche Bild starre, aus dem Wärme zu fließen scheint. Unsere Geschichte, unsere Verbundenheit fließen mir aus ihm entgegen. Momente um Momente. Erinnerungen um Erinnerungen. All das Gute. All das Verbindende. All die schönen Worte, mit denen er mein Herz so oft zum Hüpfen brachte! Zuwendung, auch die kann er ausdrücken. Ich bin doch sein Halt! Ich hab doch den Zugang zu seinem Herzen! Wer hat den jemals gehabt? 

Als er die Tür öffnet, falle ich ihm als seine Freundin in die Arme. Ich habe nicht gemerkt, wie lang er mich diesmal hat warten lassen. All die Worte und Sätze, alles Zurechtgelegte hängt in meinem Inneren fest. Ich betrete das Apartment als seine Freundin und bin darin nichts anderes als seine Freundin. Als wäre ich nie etwas anderes gewesen. Als könnte ich nie etwas anderes sein. Als hätte es den Hinweg voller Worte und Sätze nie gegeben. Als wäre in meiner Handtasche nicht das, was in meiner Handtasche ist – sein Schlüssel, seine Cd’s, sein mp3-Stick, sein Schal. All die Worte und Sätze klettern mir den Hals hinauf. Sie stauen sich dort zu einem riesigen Knoten. Es werden mehr und mehr. Worte und Sätze. Worte und Sätze. Sie schnüren mir die Atemwege zu, vermehren sich und klettern weiter. Sie verfluchen den Gaumen mit Trockenheit, lähmen die Zunge, klettern weiter und weiter. Ein Strom unausgesprochener Worte und Sätze klettert mir bis zu den Lippen, während seine Freundin hüllenhaft neben ihm aufs Sofa sinkt. Ihn anlacht. Zärtlich seine Nähe sucht. Seine Freundin widmet ihm ihre ganze Aufmerksamkeit, obwohl sie um seine kämpfen muss. Sie opfert ihm all ihr Verständnis, ihren ganzen Humor, ihr ganzes Sein. Huscht in die Küche, um ihn mit Gekochtem zu verwöhnen. Um vor ihm gut dazustehen. Um eine Liebesbekundung von ihm zu ergattern. Sie tauscht Intimitäten mit ihm aus, um ihn glücklich zu machen. Bemüht sich, ihm im Bett die schönsten Stunden zu bescheren, obwohl ihr Inneres seine immer rauer werdenden, pressenden Bewegungen kaum erträgt. 

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht nicht viele Sätze. 

ICH TRENNE MICH. Drei Worte.

Aber ihre Lippen geben sie nicht preis. 

Bevor ich am nächsten Morgen gehe, hänge ich verstohlen den royal-blauen Schal an seine Garderobe. Er wird ihn brauchen. Es ist zurzeit oft windig. Ich möchte nicht, dass er friert.

 

Den royal-blauen Hals verstecke ich im Kragen und gehe zur Arbeit.

 

 

 

überwinden

April 2011


Die Zeit steht still. Sie umlagert drückend. Wie schwüle Sommerluft. Zerrt am Körper. Der Kopf wird schwer und hohl. Ins Haus ist die Nacht eingezogen. In jedes Zimmer. Die Geräusche sind verstummt. 

 

Nur sie - hockt wach. Die Augen bleischwer vor Müdigkeit. Konzentration ist fort. Agilität verschwunden. Ihre Arme hängen kraftlos am Körper. Die nackten Füße drücken, als würde die Bettdecke sie strangulieren. An der Stirn breitet sich dumpfes Kopfweh aus. Sie atmet schwer in die Brust. Horcht schlafsehnsüchtig Geräuschen vom Gehweg nach, die in einem Flur verhallen. Das Haus gähnt gemütlich in die Nacht.

 

Alles still. 

 

Nur sie nicht. 

 

Ihr Herz pocht aufgepeitscht bis zum Hals. Gibt der innerlichen Aufruhr ein Gesicht. Lärmt wie ein überfälliger Jahrmarkt. Ein Reisenrad, das sich dreht und dreht. Kein Ausstieg. Gedanken kreisen und kreisen. Kein Stop. 

 

Die Augäpfel sinken unterträglich in die Augenhöhlen zurück. Kreischen verzweifelt nach Erholung. Bestrafen mit stechendem Brennen die Wachliegende. Die Seele brennt gleichsam. Das inwendige Gedankenfeuer verzehrt. Reibt auf. Gequält drück sie sich in die Matratze. Das übliche Spiel. Ihm überdrüssig. Ihm ausgeliefert. Sie sinkt unter der tonnenschweren Brust zusammen. Erliegt der bleischweren Stirn. Macht sich mit inbrünstigem Seuftzen Luft. - SCHRECK - 

 

Der Laut zerreißt schneidend die Grabesstille. Spiegelt ihr mit donnernder Eisigkeit, das die Nacht kein Lärmen duldet. RUHE! Erdrosselnde Stille im gesamten Haus. Sie hält die Luft an. Atmet krampfhaft leise. Unterdrückt jeden Laut. Der Körper vibriert fiebrig unter der Peitsche dieser Sklaverei. Sie krampft noch mehr. Erschrickt bei jedem Ton. Ihr Innerstes kauert sich zusammen. Der gepeinigte Organismus wird zum Zerrspiegel der überreizten Seele. Die ausfahrende Luft dröhnt wie ein Güterzug. Wagon um Wagon donnert dahin. Unausstehlich laut. Jeder Atemzug hallt anklagend in den Raum hinein. Dröhnt in ihr nach. Der Leib straft jeden Dezibel mit verstärktem Kopfschmerz. 

 

Frieden im Haus. 

 

In ihr Krieg. 

 

Ausgemergelt schreit der Körper nach Schlaf. Die Seele stimmt mit ein. Beide schreien gegeneinander an. Kämpfen wie erbitterte Gegener um dasselbe. Toben einer gegen den anderen. Verkrallen sich. Erhitzen und entladen sich aneinander. In ekelhaftem Wechselspiel. Reiben gegenseitig letzte Kraftreserven auf. Kein Sieg in Sicht. Endloser Kampf. Endlose Nacht. 

 

Sie horcht. Vogelstimmen? Erlöst sie der Morgen? Befreiung durch ein Ende der umlagernden Geräuschlosigkeit? 

 

Stille. Tiefe Stille.

 

Kämpft sie gegen sich selbst? Gegen die Dunkelheit? Wer ist der Gegner? Ist die Nacht der Feind? 

 

Sie stockt. 

 

Kann sie Frieden schließen? Sich mit der Nacht versöhnen? Mit der Stille eins werden? Sie zulassen? Warum warten bis die Vögel zwitschern? Warum nicht selbst Vogel sein? Warum sich der verhängten Geräusch-Sperre ergeben? Warum nicht der eisigen Stille weiche Töne entgegensetzten? Es wagen, den Frieden der Nacht durch einen Beitrag zu ergänzen? Warum weiter steif liegen? Weiter handlungsunfähig ins Nichts hineinfristen? Warum Schlaflosigkeit bange ertragen? Sie walten lassen? Sie in Herrschaftsstatus erheben? Ist Schlaflosigkeit bestimmende Gewalt? Man selbst ohnächtiges Opfer? Wer hat die Sinne gefesselt? Wer den Verstand betäubt?

 

Sie merkt auf. 

 

Horcht in sich hinein.

 

Wie die Vögel im Einklang mit der Morgenröte den Tag willkommen heißen, läßt sie die Töne ihres Atems in Übereinstimmung mit der herabgesenkten Nacht ins Zimmer strömen. 

 

Horcht ihnen nach. 

 

Der Atem rasselt an den Nasenwänden vorbei. Schlägt sie wie Xylophone an. Sprintet hinaus. Verliert sich toll vor Lebenslust in der Weite des Zimmers. 

 

Sie atmet weiter. Wagt durchs Heben der Brust ein Rascheln der Bettdecke zu zulassen. Hält inne. Atmet weiter. Komponiert ihre ur-eigene Geräuschsymphonie. Genuß, die gedämpften Töne der Nacht mitzubestimmen. Verkrampfung löst sich. Geiselung flieht. Wohlbehagen beruhigt die zerschlagenen Sinne. Genugtuung. Körper und Seele lockern sich. Öffnen den verbissenen Kampf-Griff, der das Herz beengte. Geben sich miteinander versöhnend einer zusammenfließenden Umarmung hin. 

 

Grausige Stille wandelt sich in entspannende Ruhe.

 

Sie horcht ihren Gedanken nach: Warum nicht selbst Vogel sein? 

 

Und fährt fort ihren zwitschernden Atem auf der Stille der Nacht tanzen zu lassen.

 

 

 

möglich

November 2010


Mancher Hafen scheint

unerreichbar fern.

Unablässiger Regen tropft,

als hätte man‘s so gern.

Viele Tränen verweint,

Ungelöstes aufzuweichen.

Unverhofft die Sonne anklopft,

so ist wohl auch 

der Hafen zu erreichen.